Fair Childhood: Die faire Zigarette wird es nicht geben

Zigaretten sind für die einen Genuss, für andere bedeutet der Tabakanbau Schuldknechtschaft. Auf den Feldern schuften auch Kinder. Über Ausbeutung in der Tabakindustrie und miese Produktionsbedingungen ein Interview mit Sonja von Eichborn von der Kampagne unfairtobacco.org, einem Projekt der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Umwelt und Entwicklung.

E&W: Frau von Eichborn, rauchen Sie?
Sonja von Eichborn: Nicht mehr.

E&W: Was hat Ihnen die Lust am Rauchen vergällt?
von Eichborn: Zuerst der Ärger über die eigene Abhängigkeit, später die Umstände, wie Tabak erzeugt wird. Seitdem ich weiß, wie Mensch und Natur ausgebeutet werden, habe ich überhaupt keinen Anreiz mehr zu rauchen. Denn Tabakanbau geht einher mit Armut, Verschuldung, ökonomischer Abhängigkeit der Kleinbauern von Plantagenbesitzern und Großkonzernen sowie mit Kinderarbeit und Umweltzerstörung.

E&W: Wie und wo werden Tabakbauern ausgebeutet?
von Eichborn: Betroffen sind vor allem Kleinbauern in Brasilien, Malawi, Indien und China. Das afrikanische Land Malawi etwa ist zu über 65 Prozent vom Exporterlös aus Tabak abhängig. China hingegen produziert vor allem für den heimischen Markt. Ausgebeutet werden die Pflanzer, weil Tabakkonzerne oder Rohtabak-Händler mit ihnen absolut unfaire Lieferverträge abschließen. Das sieht dann so aus: Tochterfirmen der Konzerne liefern ihnen Saatgut und geben Kredite. Im Gegenzug verpflichten sich die Bauern, Tabak einer bestimmten Sorte anzubauen – welche und wie viel davon, das entscheiden allein die Konzerne.

E&W: Das hört sich erst einmal nach einem fairen Deal an – zumal den Bauern damit ja die Abnahme ihrer Ernte garantiert wird …
von Eichborn: Ist es aber nicht. Denn die Konzerne ziehen die Kleinbauern über den Tisch. Erstens bestimmen allein sie den Preis, den sie für den Rohtabak bezahlen. Zweitens werden den Pflanzern bei der Abrechnung nach der Ernte die Kosten für Saatgut und Pestizide sowie die Kreditzinsen vom Verkaufspreis abgezogen. Diese Inputs, deren Höhe auch die Konzerne bestimmen, sind so teuer, dass die Bauern de facto in eine Schuldknechtschaft geraten. Selbst die brasilianische Regierung sieht das so, allerdings ohne eine Lösung anzubieten. Wer derart verschuldet ist, versucht noch mehr Tabak anzubauen. Weil das aber sehr arbeitsintensiv ist, müssen auch die Kinder der Familien mit aufs Feld – und dort Pestizide versprühen.

E&W: Und die Umwelt?
von Eichborn: Die wird durch den Anbau von Tabak gleich in mehrfacher Weise zerstört. Einmal ist die Tabakpflanze selbst giftig. Nicht nur für den menschlichen Organismus, sondern auch für die Umwelt. Tabak laugt den Boden immens aus. Damit die Pflanze gedeiht und das Land auch nach zwei bis drei Jahren noch Ertrag abwirft, müssen die Bauern Unmengen an Dünger und Pestiziden einsetzen. Hinzu kommt, dass man für die Auftrocknung des Tabaks viel Feuerholz benötigt – pro Schachtel Zigaretten etwa 2,4 Kilogramm Holz. Dafür wird in den Anbauländern in der Regel Naturwald gerodet.

E&W: Wären Bio-Zigaretten eine Lösung?
von Eichborn: Nein. Denn erstens sagen auch Bio-Zigaretten nichts über die Arbeitsbedingungen aus, unter denen Tabak angepflanzt und geerntet wird. Außerdem würde „Bio“ suggerieren, dass die Zigarette gesund sei. Das ist albern. Die Marke American Spirit produziert zwar Produkte für den deutschen Markt, deren Tabak frei sein soll von chemischen Stoffen. Doch auf den Slogan „100 Prozent Bio“ verzichtet sie nach einem Gerichtsurteil inzwischen.

E&W: Dass Arbeiter auf Baumwoll- oder Kaffeeplantagen ausgebeutet werden, wissen die meisten Verbraucher. Warum ist ihnen die Problematik beim Tabakanbau so unbekannt?
von Eichborn: Weil Zigaretten ein Suchtstoff sind. Wer raucht, ist davon abhängig – und will von den Problemen unfairer Produktionsbedingungen nichts wissen. Und wer nicht raucht, den interessiert das Thema nicht unbedingt.

E&W: Wird es bald die fair erzeugte Zigarette geben, die mit gutem Gewissen geraucht werden kann?
von Eichborn: Nein, das glaube ich nicht. Ich finde, es sollte auch keine Fair-Trade-Zigaretten geben – einfach deswegen, weil die Pflanze so giftig ist. Man würde dann ja Gift fair verkaufen, das fände ich absurd. Die Kampagne unfairtobacco.org hat auch mit Fair-Trade-Organisationen wie TransFair, Fairtrade International, Gepa oder El Puente gesprochen. Diese sagten deutlich, es werde keine Richtlinien geben für Tabak, weil es sich um einen Suchtstoff handelt. Das passe nicht zum fairen Handel und würde dem Image schaden. Tatsächlich setzt die Produktion fairer Zigaretten ja voraus, dass die gesamte Herstellungskette, also vom Feld bis zur Schachtel, fair ist. Das wird keiner der führenden Tabakkonzerne machen. Oder sie würden Fair Trade höchstens als ein Marktsegment nutzen. Das heißt, einfach eine einzelne faire Zigarettenmarke anbieten, den Gewinn aber weiterhin mit dem unfair erzeugten Zigarettensortiment machen. Damit wäre die faire Zigarette nicht mehr als ein Feigenblatt. Diese Taktik ist inzwischen schon von anderen Produkten bekannt.

E&W: Solche Argumente bringen den Tabakbauern in den armen Ländern allerdings wenig – es wird immer geraucht werden. Wie also wollen Sie den Tabakbauern helfen?

von Eichborn: Indem wir sie dabei unterstützen, auf alternative landwirtschaftliche Produkte umzustellen. Auf Erzeugnisse, die weniger umweltschädlich sind und die auf lokaler wie regionaler Ebene einen Markt finden. Nur so kommen die bäuerlichen Betriebe aus der Abhängigkeit von den Tabakkonzernen heraus. Ein solches Projekt gibt es etwa in Kenia: Dort bauen ehemalige Tabakbauern Bambus an. Das ist weniger arbeitsintensiv. Die Bauern können ihre Kinder zur Schule schicken. Und zusätzlich die benötigten Lebensmittel anbauen.

E&W: Was können Raucher tun, die keinen unfairen Tabak mehr konsumieren wollen?
von Eichborn: Sich ein Fleckchen Erde suchen und den Tabak selbst anbauen. Tabak wächst auch in Deutschland hervorragend.

Gespräch: Martina Hahn,
Buchautorin und Journalistin

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